Monday, March 9th, 2009 10:49 AM

Jazz-Visite aus New York

Südostschweiz Graubünden
Hanspeter Hänni
March 5th 2009
 
Merkwürdiges Treiben auf der Bühne des Hotels «Drei Könige»: Vier jüngere Männer schieben sich musikalische Versatzstücke zu, loten die akustischen Möglichkeiten von Trinkgläsern und Karaffen aus, und einer gurgelt dazu mit Hahnenwasser. Dazwischen einzelne Posaunenstösse, ein schräger Gitarrenakkord oder ein Knaller aufs Tom-Tom. Bandleader Samuel Blaser (Posaune), Todd Neufeld (Gitarre), Thomas Morgan (Kontrabass) und Tyshawn Sorey (Schlagzeug), die auf Einladung des Jazz Club in Chur gastieren, richten ihre komplexe Klangsuppe an. Die vier Multiinstrumentalisten verdichten ihre anfängliche «minimal music» kontinuierlich in Richtung (kontrollierte) Ekstase. Dabei bestätigt sich einmal mehr: Jazz ist visuelle Musik. Ein Hochgenuss bildet jene Konzertpassage, in der Sorey sein ohnehin schon reduziertes Schlagzeug demontiert und jedem Teil ungeahnte Klänge und Rhythmen entlockt. Plötzlich verschwindet er hinter dem zweiten Bühnenvorhang, wo offensichtlich ein Klavier steht, und ist «nurmehr» als Begleitpianist aus dem Off zu hören - und wie! Die Musik kocht und brodelt, das Publikum staunt. Blaser, erst 28 Jahre alt, gilt als einer der begehrtesten Posaunisten der Welt. Gemeinsam mit seinen drei amerikanischen Mitmusikern nimmt er aktuelle Strömungen sensibel auf und integriert sie in seine eigenständige Musik, deren Wurzeln bei Ornette Colemans Freejazz-Quartetten zu finden sind.